Bootstouren durch England und Wales
Warum muss es immer das Auto sein, um von A nach B zu reisen? Es geht doch auch viel beschaulicher. Statt Kilometer zu fressen auf dem Motorway – nur um anzukommen,
probiere man den Weg als Ziel. Mit gemütlichen sechs Kilometern pro Stunde lässt sich Landschaft und Natur vom Wasser aus ganz in Ruhe erleben. Die Gelegenheit dazu bietet sich dem Freizeitkapitän in
mehreren Regionen Englands und auch Wales.
East Anglia ist bekannt für seine ausgedehnten Kanalsysteme
aber auch Mittelengland und Wales locken mit vielen Wasserstraßen. Das ideale Gefährt zur Erkundung: Ein Narrowboat. Das ist meist bis zu 2 m breit und kann fast 22
m lang sein. Der Innenraum besteht aus Wohn- und Schlafzimmer, Küchenecke – für Komfort während der Fahrt ist also gesorgt. Genug Zeitvertrieb sollte man sich
aber mitnehmen oder öfter mal einen Landgang unternehmen, um die Landschaft auch per pedes zu erkunden.
Narrowboating nennt sich das Vergnügen des gemütlich-entspannten Dahingleitens in einer Art schmalem Hausboot auf einem der vielen Kanäle Großbritanniens. Lange Zeit wurde das vorwiegend
von betagten Bootsliebhabern unternommen.
2004 änderte sich das geradezu schlagartig durch einen wunderbaren Zufall. Indianer Jones kam auf Schatzsuche nach England. Und er kam nicht allein, sondern brachte gleich seine Freundin mit.
Harrison Ford und Ally-McBeal Star Calista Flockhart ließen karibische Paradiese links liegen und entschieden sich fürs windige und nasse „good old England“! Prompt landeten die beiden Promis
nicht nur in touristisch wenig überlaufenen Gegenden Englands und Wales, sondern auch auf den Titelseiten der britischen Presse. Narrowboating war plötzlich „in“ wie nie zuvor!
Doch wie sieht so ein Urlaub genau aus? Nach einer kurzen Einführung wie ein solches Gefährt zu bedienen ist(ein Bootsführerschein ist nicht notwendig), geht die Fahrt los - spätestens bis zur
nächsten Schleuse, den so genannten Locks. An dieser Stelle kann man Glück haben oder sollte geschickt sein. Bei ersterem ist Timing alles: Man läßt einfach einen erfahrenen Narrow-Bootsfahrer
vor und schaut zu, „wie es geht“. Hält man sich aber für geschickt, probiert man einfach mal alles
durch – Hebel bedienen, Motor auf kleine Fahrt stellen, Seile halten, Schleuse auf, Schleuse zu - vor
allem aber Ruhe bewahren und wenigstens so tun, als hätte man alles unter Kontrolle. Gut, dass dabei auf eine Konstante Verlass ist: das Wasser fließt noch immer den Berg runter… Besonders erfreulich
sind bei solch einem Erstereignis die Zuschauer am sicheren Ufer, die natürlich immer am besten wissen, was zu tun ist und den Profi vom Amateur auf Anhieb erkennen. Kluge Ratschläge und
Fachsimpeleien wehen vom Ufer herüber, während man selbst mit der Technik kämpft. Der erste Lock ist immer der schwerste. Aber ist der erst geschafft, gehört man beim nächsten fast zu den
Profis. Die Fahrt kann weiter gehen.
Womit wir beim englischen Kanalsystem und einem kleinen
Abstecher in die Geschichte der Kanalfahrt sind. Das britische Kanalsystem umfasst heute insgesamt fast 7000 km. Viele dieser Kanal-Kilometer entstanden in der Zeit der
industriellen Revolution von 1770 und 1830 und wurden von Planern wie z. B. James Brindley (1716-1772) konzipiert. James Brindley selbst brachte es auf beträchtliche 587
gebaute Kanalkilometer in seinem Leben. Sein Kollege Thomas Telford (1757-1834) hingegen beschränkte sich nicht nur auf den Bau von Wasserwegen, sondern erweiterte
die Infrastruktur um etliche Kilometer Straßen und diverse Brücken (auch über Kanäle) und Docks. Die Kanäle waren von Anfang an sehr schmal und die Boote – einst reines Transportmittel – wurden
entsprechend schmal gebaut. Selbstverständlich brauchte der Herr eines solchen Transport-Bootes seine Kabine, später wandelte sich das schmale Schiffchen mehr und mehr zum Lebensraum auch für
die Kapitäns-Familie. Im 19. Jahrhundert wurden die Boote noch von Pferden am Ufer entlang getreidelt, später setzte man auf künstliche Pferdestärken in Form eines Dieselmotors. Der treibt die
Boote auch heute noch an. So tuckern heute viele erlebnishungrige Freizeitkapitäne mit bis zu sechseinhalb Kilometer pro Stunde durch Englands Landschaft und die früheren Wasserstraßen
erleben ihre zweite Blütezeit. Über den Niedergang des Narrowboats als Transportmittel hinaus erhielt sich die Begeisterung der Briten für die Tradition und Restaurierung der Boote. Diese sind
heute mehr und mehr zeitweiliges Touristenzuhause und tragen entscheidend zur neuen Nutzung der Kanäle bei.
Die Zahl der lizensierten Boote auf Britischen Wasserwegen wird derzeit auf 27.000 geschätzt. Viele dieser Gefährte sind moderne Narrowboats. Wahrscheinlich gibt es davon heute sogar mehr, als je
zuvor für industrielle und Transportzwecke unterwegs waren. Auch das zeigt, welche Bedeutung dieser Zweig des Tourismus hat.
Harrison Ford und Calista Flockhart erkundeten die Kanäle in Shropshire und Wales. Besonderheit hier: Fährt der Reisende den Llangollen Kanal zur der gleichnamigen Stadt (für Ungeübte – es spricht
sich in etwa so: Chlang-gochlen), überquert das Bötchen unweigerlich das Pontcysyllte Aquaduct, gebaut von Thomas Telford. www.pontcysyllte.co.uk Das ist eine ca. 300 Meter lange Kanalbrücke
aus Eisen (etwa 1,80 m tief und 2,50 m breit), die über das ca. 40 m tiefe Flusstal des River Dee führt. Die Aussicht ist außergewöhnlich wie das Erlebnis. Wann fährt man schon mal mit einem Boot
über eine Brücke unter der ein Fluss fließt? Nur ein Boot kann jeweils von einem Ende zum anderen gelangen, dann wechselt der Betrieb in die andere Richtung.
 |
Aber es gibt noch eine Menge anderer Routen, die der Narrowboat-Fahrer und seine Mannschaft erkunden können. Zum Beispiel diese: The Black Country Ring, die Gegend, die einst die Wiege der
industriellen Revolution war. Die Region verdankt ihren Namen den Hochöfen, die tagsüber rußig-schwarz das Bild der Landschaft bestimmten. Davon allerdings sind viele heute
Industriedenkmäler, die einen Besuch durchaus wert sind und gar nicht mehr so düster aussehen.
Auch schön, der Four Counties Ring: er ist 110 Meilen lang und hat fast jede Meile eine Schleuse. (insgesamt 94). Diese Route ist weniger befahren und landschaftlich sehr schön. Außerdem fährt man
hier mitten durch das Gebiet der so genannten Potteries. Hier wird seit Jahrhunderten englische Keramik hergestellt. Man denke an das bekannte Wedgewood-Porzellan oder Denbies. Ein
Landgang mit Firmenbesichtigung ist hoch spannend und sehr empfehlenswert.
Narrowboaten kann man zu zweit, zu viert aber auch mit größeren Mannschaften. Etwa 1.500 Euro zahlt man für die Miete eines Hausbootes pro Woche – abhängig von Saison. Verteilt man diese
Summe auf z. B. vier Reisende, ist das - ohne Verpflegung - eine bezahlbare Unterkunft. Wenn Sie jetzt noch nicht den Kanal voll haben, steht dem Unternehmen nichts mehr im Wege. Leinen los und
auf geht die Fahrt!
Mehr Informationen: www.waterscape.com www.drifters.co.uk/regions/northw.htm www.britishwaterways.co.uk/
Text: VisitBritain
|